Romantisch tanzen seine Finger

Ob als Musiker oder Dirigent: Gerhard Koschel (56) hat Passau auf das Akkordeon getrimmt – Doch er macht auch ohne die Musik von sich reden

„Musizieren ist eine Art Meditation“, sagt Gerhard Koschel über den Moment, wenn seine Finger über die Tasten fliegen. – Foto: Jäger

Von Oliver Glombitza

Er lebt das Akkordeon, Oder lebt es ihn? Erst ein paar Minuten nach dem ersten Klingeln öffnet ein Mann mit weißem Haar und dichtem Bart in gleicher Farbe die Haustür. ,,Stehen Sie da schon lange?“, fragt Gerhard Koschel. Vor der Brust trägt er einen schwarzen Tastenkoloss Marke Bugari. „Wenn ich Akkordeon spiele, höre ich das Klingeln nicht.“ Das kam in den 46 Iahren, die er das Instrument spielt, wohl häufiger vor. Das weiße Haus in einem ruhigen Teil der Innstadt ist voller Musik. Koschel hat sein Akkordeon im Wohnzimmer abgestellt, zwischen einem Klavier und einem Cello. Auch der Inhalt der Bücherregale dahinter ist ganz der Musik gewidmet. Nun erlaubt sich ein genauer Blick auf den Mann,. der Passau das Akkordeon (näher)brachte: Ein 56-Jähriger in braunem Polohemd und schwarzen Jeans. Schlanke Statur. An den Füßen hellbraune Pantoffeln. Die blauen Augen blicken gutmütig, werden aber von einem breiten Lächeln überstrahlt, Angefangen zu spielen hat er mit 10 Jahren. Anders als viele seiner Musikerkollegen wurde ihm sein Talent nicht in die Wiege gelegt „Meine Familie hatte mit Musik nichts zu tun“, sagt Koschel. der mittlerweile am Küchentisch sitzt die Kaffeetasse in beiden Händen haltend. Zur Musik kam er durch Zufall. Der Bub soll ein Instrument lernen, dann kann er auf Geburtstagen spielen, hatte sein Vater damals gemeint. So kam es. Erst das Akkordeon, später, mit 14, schwenkt der Eleve des Leopoldinums auf das Cello um. „Das war eigentlich schon viel zu spät“, sagt Koschel. Trotzdem beginnt er nach seinem Abitur ein Cellostudium in Linz. 1988 schließt er es nach vier Jahren ab. Nur ein Jahr später das Akkordeonstudium in Nürnberg. „Die Konkurrenz beim Cello war einfach zu groß.“ In Nürnberg nimmt seine musikalische Karriere ihren Lauf. Als Teil des Nürnberger Akkordeonorchesters. „eines der besten in Deutschland“, macht er sich einen Namen. Erst als Musiker, dann als Dirigent. Seinen ersten Dirigierkurs machte er mit 18. Heute hat et zahllose Akkordeonstücke für Orchester arrangiert. Dem Landesorchester von Bayern und Nordrhein-Westfalen. aber auch dem Bundesorchester, gab er schon den Takt vor. „Beim Dirigieren teilt man, was in der Musik steckt“, sagt er zu seiner Leidenschaft. Zurück in Niederbayern leistet er Aufbauarbeit. Dirigiert in seinem Heimatverein, dem 1. Passauer Akkordeon-Orchester, alles und jeden. Schüler. Jugendliche. Erwachsene. Dort lernte er auch seine Frau Birgit kennen, mit der er zwei erwachsene Söhne hat. 1997 gründet er das Orchester oN. „Ohne Namen. Ich weiß, sehr einfallsreich“, sagt er und kann sich das Lachen nicht verkneifen. Nur vier Jahre nach der Gründung, 2001. erlebt er seinen größten Konzertmoment. Beim bedeutendsten europäischen Wettbewerb in Innsbruck landet das Orchester ohne Namen auf Platz 2. Koschel spielt gern Klassik. „Stücke aus der Romantik“, sagt er. Damit steht er allein auf weiter Flur. Meistens wird Originalmusik in den Akkordeon-Orchestern gespielt. Also Musik, die nur für das Instrument geschrieben wurde. Weil Bach, Haydn und Co. die Harmonika noch nicht kannten. schreibt Koschel die klassischen Stücke für sein Instrument einfach um. Daraus entsteht schließlich der Musikverlag „Koschel & Weinzierl“, den er mit seinem Freund Helmut Weinzierl gründet. Sie widmen sich dem Versandhandel von Noten. Doch Musik ist nicht alles. seit beinahe 40 Jahren zeigt er US-Amerikanern die schönsten Flecken der Stadt. Die lieben die Geschichten Über das Mittelalter in Passau. 2012 erhält er die Ehrennadel der Stadt für sein ehrenamtliches Engagement.
Zurück im musikalischen Epizentrum des Hauses. Koschel hat sich das Akkordeon wieder umgeschnallt und spielt ohne Vorwarnung drauflos. Die Finger fliegen nur so über die Tasten. Rasend. Dabei hat er immer ein leichtes, aber unverkennbares Lächeln auf den Lippen. „Musizieren ist faszinierend. Du kannst nicht, du musst sogar dabei abschalten, anders geht es gar nicht“, sagt er. „Es ist eine Art Meditation.“ Es tut ihm gut.


Das 1. Akkordeon-Orchester Passau e.V. spielt am Samstag, 17. November, sein Herbstkonzert um 18.30 im Großen Rathaussaal, Abendkasse 10 Euro, ermäßigt 8 Euro.